Falsch geparkt

Vor einigen Wochen wurde aus dem Flugplatz ein Parkplatz. Ein besonderer Parkplatz: TUIfly hat hier einen Teil der Flotte am Heimatflughafen Langenhagen geparkt. Und jeder deutsche Bürger zahlt statistisch für diesen Parkplatz 22,5 €. Klingt erst mal wenig. Hat er eine Reise gebucht, die jetzt nicht stattfindet, und diese angezahlt, dann kommen aber noch ein paar hundert Euro dazu. Und auf jeden Fall ist das noch nicht alles, denn das Personal, das gerade in Kurzarbeit ist, wird ja auch noch von uns bezahlt. Aber weil die großen Zahlen so schön kleingerechnet werden können, blickt am Ende sowieso keiner mehr durch.

Anflugbefeuerung der Südbahn bei Gegenlicht

Der Reihe nach: die TUI-Gruppe – nach eigenen Angaben der weltweit führende Touristikkonzern – hat sich gerade 1.800.000.000 € beschafft (1,8 Mrd.€). Es handelt sich um KfW-Kredite, die bei Ausfall am Ende von uns allen – den Steuerzahlern – getragen werden. Wir kennen das schon – ich werfe da mal “Bankenrettung” in den Raum. Oder Finanzierung chronisch notleidender Staaten in Europa. Die Liste kann nach Belieben verlängert werden.

Ferienflieger von TUIfly vor Terminal A

TUI besorgt sich also in dieser Krise frisches Geld, weil alle Reisen, die man verkauft hat, gerade ausfallen. Gut, es sind da Mitarbeiter, die Gehälter beziehen – ach, die sind ja schon in Kurzarbeit? Die werden ja schon von uns bezahlt. Na, dann sind das bestimmt Treibstoff- und Wartungskosten – ach, die Flugzeuge parken am Flugplatz und die Schiffe liegen vor Anker. Aber wofür braucht man dann das Geld? Ach, die wollen bestimmt die ganzen Anzahlungen der Kunden zurückerstatten? Ach so, das soll gar nicht passieren, da soll es Gutscheine geben? Na jetzt kapier ich gar nichts mehr. Die Erklärungsversuche des Tourismusverbandspräsidenten (zufällig ehemaliger TUI-Chef) finde ich nur albern und unverschämt.

Für die Gutscheinaktion betreibt die Bundesregierung gerade aktiv Rechtsbeugung und beerdigt damit den Rechtsstaat. § 651 BGB und Rückwirkungsverbot sind die Stichworte, nach denen man suchen sollte. Fragen Sie Ihren Anwalt. Ich bin gespannt, ob das Bundesverfassungsgericht hier tatenlos zusieht.

Geparkte TUIfly-Flugzeuge am Flughafen Hannover

Ich habe kein Anzahlungen unterwegs. Ich kann mir aber auch nicht vorstellen, die nächsten Jahre in irgendein Flugzeug zu steigen. Ich war Ende Februar noch mit einem dieser blauen Flieger auf Fuerteventura – und schäme mich heute ein wenig dafür. Es wird einem einfach zu einfach gemacht. Mal eben weg für eine Woche oder zwei. Am Strand der Ferieninsel fuhr mir dann ein Flüchtlingsschlauchboot fast über die Füße (das wird aber ein anderer Artikel).

Nein, es gibt kein Entrinnen vor den Problemen der Welt. Die sind jeden Tag noch da, wenn man nur labert aber nicht handelt. Im Moment genieße ich wenigstens die Ruhe und den blauen, klaren Himmel über dem Königreich Hannover, ganz besonders blau in Langenhagen direkt in Flughafennähe. Es tut mir leid für die Mitarbeiter des Flughafens und der Touristikbranche – aber dieses hoffentlich reinigende Gewitter war lange überfällig, jeder konnte die dunklen Wolken sehen, nicht erst seit Corona.

Geparkte TUIfly-Flugzeuge am Flughafen Hannover

Aber mit Corona wird deutlich, wie unsinnig und geradezu pervers das (noch) herrschende Wirtschaftssystem ist. Fliegen zum Preis einer Taxifahrt? Geht’s noch? Bei einem derartigen Kampf um Reisende sind am Ende alle Geschäftsmodelle auf Kante genäht und haben mit seriöser Betriebswirtschaft nichts mehr zu tun. Der weltweit führende Touristikkonzern hält eine zugegebenermaßen krasse Durststrecke nicht durch? Was soll denn das kleine Reisebüro um die Ecke erst machen – es hat gerade die letzten Kröten an TUI überwiesen – die wollten nämlich die Provision für die ausgefallenen Reisen sofort zurück haben. Aber halten jetzt selbst die Anzahlungen rechtswidrig zurück.

Geparkte Flugzeuge von TUIfly auf dem Vorfeld

Dafür gibt es eigentlich das Insolvenzrecht, dann muss der Laden eben abgewickelt werden, so traurig das auch sein mag. Die Leute werden auf unabsehbare Zeit sowie nicht in Urlaub fliegen, weil sie selbst kein Geld mehr haben. Also alles zurück auf Anfang. Sofort. Keine steuerfinanzierte Insolvenzverschleppung. Ein Politiker der Grünen hatte vollkommen Recht mit seinem Tweet – und ich bin weder ein Anhänger der Grünen noch irgendeiner anderen Partei – ich bin nur ein Anhänger des Gesunden Menschenverstands – des GMV, wenn man es in drei Buchstaben packen will. Der kleine Feigling hat seinen Tweet aber wieder gelöscht. So wird das nichts mit der friedlichen Revolution.

Diese – im Vergleich zu den ausgelobten hunderten Mrd. € “Rettungsschirm” vom Bazooka-Olaf – Pipifax-1,8-Mrd-Euronen sind nur ein Beispiel aus Absurdistan (besser bekannt als BRD). Und der kleine Laden an der Ecke weiß gar nicht, wie er um die selbige kommen soll.

Anflugbefeuerung der Südbahn in der Abendsonne

Schon jetzt ist klar – nichts bleibt wie es war. Corona ist schon Krise genug, aber jetzt wird es von dilettantischen Politikern mit ein guten Portion Willkür komplett irre werden. Was heute hier passiert, ist keine Spur besser als bei den Chaoten in China oder USA – auch wenn sich viele das einreden möchten. Der deutsche Pass ist das Papier nicht mehr wert, auf dem er gedruckt wurde. Viele andere Pässe tatsächlich noch viel weniger, das verstärkt das Problem.

Gesucht wird eine angepasste Weltordnung, die anders funktioniert: eine, die die Grenzen zwischen Ländern und in den Köpfen von irren Politikern niederreißt und dafür klare Grenzen zwischen Sachverstand mit Augenmaß und gierigem Dilettantismus zieht. Dann hätten wir alle auf diesem Planeten eine Chance. Hoffentlich denken wir bei der nächsten Wahl oder Revolution daran.

Weidenbüsche in der Abendsonne an der Münchner Straße vor dem Flughafen Hannover, im Hintergrund parkende TUIfly- Maschinen

Reisen sollte in dieser neuen Weltordnung dann wieder etwas besonders sein. Sorgfältig geplant, mit viel Vorfreude, nicht mal eben so wegen dem Preis, sondern weil man es sich “verdient” hat. Mit Achtsamkeit und Rücksicht auf die Nebenbedingungen, die jedes Handeln in der modernen Gesellschaft zwangsläufig mit sich bringt.

Immerhin kapieren viele Firmen und sogar der ein oder andere Politiker, dass man auch digital miteinander verbunden sein kann und hin und wieder sogar eine Entscheidung treffen oder einen Geschäftsabschluss tätigen kann. Schon allein deshalb glaube ich nicht daran, dass die Fluggesellschaften in absehbarer Zeit wieder Gewinne erwirtschaften werden oder gar ihre Kredite zurückzahlen können. Tschüss, 1.8 Milliarden.

Zum Abschluss noch ein wenig Musik zum Nachdenken – die neue Single von Jackson Browne.

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