#wirbleibenzuhause

Heute wäre der vierte Auftritt unserer BEST OF LIVE TOUR 2020 gewesen. Es ist gerade 12:06 Uhr, als ich mit diesem Beitrag beginne, wir wären jetzt wohl irgendwo auf dem Weg zwischen Göttingen und Oederan unterwegs. Wir – das wären in diesem Fall die Ron Evans Group mit mir in der Rolle als Chauffeur, Roadie und vor allem natürlich Fotograf.

Aber irgendwie kam alles ganz anders. Als die Absage der Tour beschlossen wurde, haben viele im Land noch geglaubt, dass das Geschehen um Corona vielleicht die kleinen Events und Clubkonzerte nicht betrifft. Die Politik sprach hier am Anfang von “Veranstaltungen über 1000” Teilnehmer.

Heute, wenige Tage später, sind schon Menschenansammlungen von mehr als zwei Personen verboten.

Ich habe mich vor einiger Zeit aus fast* allen sozialen Netzwerken verabschiedet – zu viele zweifelhafte Inhalte, zu viel “viraler” Unfug, zu viele Selbstdarsteller. Mein Plan ist, wieder mehr Artikel auf meinem Blog zu schreiben.

Nun wird das hier heute ein etwas anderer Beitrag werden. Es ist mehr als nur eine Tour-Absage durch die Corona-Krise. Es geht um mehr als nur ein paar Veranstaltungen und Fotos.

Von den persönlichen Katastrophen entweder durch Krankheit und Tod oder durch Auftragsverluste und drohende Pleiten bzw. mögliche langfristige Arbeitsplatzverluste mal abgesehen, wird diese Krise die Gesellschaft nachhaltig verändern. Wir werden in aller kürzester Zeit alle wieder ganz unten ankommen und jeder wird dann für sich entscheiden (müssen): was ist wichtig oder was kann weg?

Mein Fotostudio habe ich zur Zeit geschlossen, die Tour ist ausgefallen, in meinem Job als Trainer und Berater habe ich immerhin noch ein paar kleinere Projekte, die mich wohl noch bis Mai über die Runden bringen, aber der Ausblick ist auch dort auf einmal unsicher, Termine fallen aus oder werden auf unbestimmte Zeit verschoben.

Es gab kleine Zeitfenster, in denen man mit einem 2-3-wöchigen, rigorosen Stopp des öffentlichen Lebens die jetzige Katastrophe verhindern hätte können. Komplett, zu 100%. Man hätte nur entsprechend von zuständiger Stelle handeln müssen. Wäre halt nicht populär für die eigenen Umfragen oder das potentielle nächste Wahlergebnis gewesen. Man hat es nicht getan. Fachleute wurden sogar als Spinner in die Ecke gestellt. Einige Fachleute treiben mit ruhiger und beharrlicher Argumentation die Politik immer wieder an, damit wenigstens einige Schritte unternommen werden.

Die Politik in vielen Ländern – nicht nur hier in Deutschland – hat komplett versagt. Man hat in Europa und anderswo China aus der Ferne fast mitleidig belächelt. In Nordrhein-Westfalen ließ der ministerpräsidiale Obernarr den Karneval noch stattfinden, obwohl da bereits klar war, welcher Infektionskatalysator das sein wird. Selbst ein Nachholspiel der Bundesliga wurde in Nordrhein-Westfalen mit vollbesetzten Zuschauerrängen durchgeführt, als die Fallzahlen in Heinsberg schon überdeutlich stiegen.

Ein unerfahrener, aber profilierungssüchtiger Gesundheitsminister wollte uns dann die Welt erklären, Mutti hat sich lange nicht blicken lassen, trat dann aber schlussendlich mahnend im Fernsehen auf. Der Minister-Junior ist jetzt nur noch selten zu sehen – gut so, er ist auch schwer zu ertragen.

In Bayern ticken die Uhren ja immer etwas anders – die Leute dort haben aber vielleicht dadurch langfristig auch mehr Glück als woanders: der aktuelle Landesfürst ist immer einen Schritt weiter im Denken und Handeln als seine Kollegen in den anderen 15 Fürstentümern in dieser Republik. Die ist ansonsten alles andere als krisenfest und versagt auf weiter Linie im bekannten Kompetenzwirrwarr und “Sesselpubsertum”. Aber es mag hier aber sicher auch Ausnahmen geben.

Einziger Lichtblick für die Strategie sind ein paar fähige Virologen und Wissenschaftler, die die Faktenlage nüchtern erklären können und entscheidende Ansagen machen – die Politik handelt dann irgendwann auch entsprechend, aber viel zu zögerlich und unentschlossen. Und wie so oft viel zu spät. Man fürchtet den Kontrollverlust. Wie in der Flüchtlingskrise. Hier geht es aber nicht um “nur” um 1, 2 oder 5 Millionen Menschen. Es geht um uns alle, in Deutschland, in Europa, in der Welt.

Wer die Gesellschaft im Moment wirklich am Laufen hält: das medizinische Personal und die Mitarbeiter beim Bäcker oder Supermarkt um die Ecke – stellvertretend für alle, die unter hohem Risiko Ihren Job als Berufung sehen und einfach weitermachen, bis sie nicht mehr können. Dazu die Busfahrer, Paketboten und alle anderen “systemrelevanten” Mitarbeiter, wie es so schön heißt.

Europa als Institution ist in dieser Krise schon gestorben, erstickt ohne Beatmungsgerät nach schneller Infektion, begünstigt durch einen Mangel an politischen Hygienemaßnahmen. Flinten-Uschi ist vollkommen hilflos. War irgendwie zu erwarten, muss jetzt wohl ohne Berater arbeiten. Ein paar in China bestellte Masken sind alles, was in der öffentlichen Wahrnehmung von Europa ankommt. Ob die Masken je ankommen, weiß niemand.

Uns so hilft sich jedes Land gerade selbst. Und nicht nur das. Jeder Hamster hilft sich offensichtlich gerade selbst – Hauptsache, der eigene Hintern bleibt sauber. Klar, es gibt auch solidarische Momente, von denen man hört oder die man selbst erlebt. Aber die Gesellschaft ist nach wie vor von Extremen dominiert.

Beim Bäcker um die Ecke kauft keiner mehr ein, im Supermarkt werden die Regale hingegen leergefegt, uneinsichtige Jugendliche feiern Corona-Parties, sie seien nicht betroffen, sagen sie. “Es trifft ja nur die Alten und Schwachen, die belasten die Gesellschaft sowieso”. “Das ist natürlich Auslese.” Diese beiden Aussagen machen mich fassungslos. Ich habe sie so oder in ähnlicher Form mehrfach gehört, hier in Deutschland, sogar auch von Personen der Risikogruppen. Aber auch in England – der dortige momentan zuständige politische Vortänzer ist in seinem Kopf wahrscheinlich ähnlich unaufgeräumt wie sein Haarkleid darauf. In England könnten deshalb die Lichter schneller ausgehen als im Rest der Welt. Das hat der Boris glaube ich nun auch kapiert, ist aber wohl zu spät. Einen Tsunami kann man nicht aufhalten.

Das immer gleiche, überwiegend beschwichtigende Geblubber der Politiker aller Farben und Länder, das der Staat schon allen helfen werde, kann ich nicht mehr hören. Mich interessieren nur noch die Pressekonferenzen der Virologen und Fachleute. Den Rest braucht eigentlich keiner. Wir brauchen auch keine Parteien, keinen aufgeblasenen Bundestag und schon gar nicht diese überflüssigen und teuren europäischen Institutionen. Wir brauchen mehr Sachverstand und die richtigen Personen in den relevanten Entscheidungsgremien. Nicht nur in einer Krise wie dieser, sondern dauerhaft.

Wenn die aktuelle Situation etwas Gutes hat: sie wird dafür sorgen, dass sich in der Politik (und auch der Gesellschaft) hoffentlich bald die Spreu vom Weizen trennt, dass Fachkompetenz und Erfahrung wieder Voraussetzungen für ein politisches Amt sind. So wie in jedem anderen Beruf auch. Und nicht mehr links oder rechts, blau oder grün oder welche Farbe auch immer.

Im Moment ist unser Leben einerseits in der Hand von Personen mit wenig oder keiner Fachkompetenz und Erfahrung, die die Regeln bestimmen wollen (es gibt Ausnahmen), auf der anderen Seite sind wir alle abhängig von Ignoranten und Egoisten, denen scheinbar vieles oder vielleicht sogar alles egal ist.

Wenn wir als Personen und Gesellschaft das alles überleben sollten, hoffe ich darauf, dass die kranken Systemteile und Strukturen es nicht tun, sondern eine echte Stunde Null beginnt. Es wird so sein wie nach einem Krieg – nichts ist wie es war. Beim Neuaufbau hat die überlebende Gesellschaft die Chance, es besser zu machen. Nicht nur hier in Deutschland, sondern in Europa und der Welt. Die dann wohl mittelfristig eine andere Ordnung haben wird.

Ich werde auf jeden Fall weiter fotografieren, hoffentlich viel mehr als zur Zeit. Ich durchstreife in dieser Zeit jeden Tag ein Stück von meinem Fotoarchiv und präsentiere ausgesuchte Fotos auf meiner Seite TOP.PHOTO. In Vorfreude auf bessere Zeiten, die hoffentlich noch dieses Jahr wieder kommen. Die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt.

Bleibt gesund und haltet einen gesunden Abstand ein. Körperlich, aber auch geistig. Fragt lieber zweimal nach den Fakten, verzichtet auf stundenlanges surfen in zweifelhaften Netzwerken, besorgt Euch lieber Informationen parallel aus verlässlichen Quellen. Ich habe sogar wieder ein Abonnement einer seriösen Wochenzeitung begonnen.

PS: die beiden Termine im Juni stehen bei der Group und mir noch im Kalender. Die Hoffnung bleibt…

(* LinkedIn hatte ich auch gelöscht. Als Corona kam, habe ich es reaktiviert, verfolge dort aber nichts mehr schreibe dort auch keine Beiträge oder Artikel mehr. Ich war noch in den 30 Tagen “Bedenkzeit” nach der Löschung – vielleicht braucht man doch mal den ein oder anderen Kontakt. Ich habe die zwar auch im Adressbuch, aber wer weiß, was noch alles passiert...

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